Alarm um die Bahn

Eckhard Ostertag, langjähriges und besonders erfahrenes Mitglied des BDEF-Arbeitskreises Verkehrspolitik macht sich – mit Recht – Sorgen um die Bahn. Seine Sorgen hat er im folgenden Artikel dargestellt und das Ganze mit "Alarm um die Bahn" überschrieben. Wir alle hoffen, dass dieser "Alarm" all diejenigen wachrüttelt, die gemeint sind.

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"Umweltschutz" oder Preisgabe zum Verfall ?

Wilhelmshaven (EO): Alarmzeichen gibt es bei der Bahn schon seit längerem, inzwischen ist jedoch eine fast unerträgliche Situation entstanden, in der nur noch die Notbremse gezogen werden kann. Was jetzt in und mit großen Teilen der Deutschen Bahn geschieht oder geplant ist, ist ein Skandal. Statt Ausbau und Angebotsverbesserung soll es für die Mehrheit der Bahnkunden wieder einmal nur Verschlechterungen, Kürzungen und Einschränkungen geben. Die Menschen in diesem Lande wollen aber nicht den Rückzug der Bahn aus der Fläche, sie wollen für sich und die Wirtschaft ihren kraftvollen Einsatz bei der Lösung der Mobilitäts- und Transportprobleme! Ein paar Schnellstrecken als Konkurrenz zum Luftverkehr reichen nicht aus, um die drängenden Verkehrsprobleme zu lösen.

Leider zeigt sich mittlerweile, dass die mit viel Vorschußlorbeeren eingeführte Bahnreform im Kern gescheitert ist, denn sie hat eigentlich keines der selbstgesteckten Ziele erreicht. Vor allem ist es nicht gelungen, mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zu holen. Das Gegenteil ist eingetreten: Der Anteil der Schiene am Beförderungsmarkt stagniert oder geht weiter zurück, die Manager der Bahn vertrauen anscheinend ihrem eigenen Unternehmen und dessen guten Produkten nicht und sehen ihr Heil überwiegend nur im Abbau von Strecken, Leistungen und Personal.

An allen Schwierigkeiten, mit denen die Bahn zu kämpfen hat, sind aber natürlich nicht allein die Bahnmanager schuld. Sie sind wohl eher überfordert, weil sie nicht immer das notwendige Fachwissen besitzen, vor allem aber, weil sie zuwenig Unterstützung durch die Politiker erfahren. Diese haben bislang die Chancen und Risiken der Bahn nicht erkannt, falsch eingeschätzt und den Führungskräften der Bahn widersprüchliche oder unerfüllbare Vorgaben gemacht. Darüber hinaus dreht sich das Personal-Karussell zu oft und zu schnell, so dass das erforderliche Know-how für die komplizierten Zusammenhänge und Stimmungslagen innerhalb des Großunternehmens DB nicht recht entstehen kann.

Richtig wäre es gewesen, die unbestreitbaren Vorteile der Bahn für ein vernünftiges ausgewogenes Verkehrsystem, das aus Straße und Schiene besteht, offensiv zu nutzen und damit Schaden von den Menschen, der Gesellschaft, der Umwelt, aber auch der Wirtschaft abzuwenden. Es sollte im Eisenbahnverkehr eigentlich nicht um die Optimierung der Gewinnchancen einer Privatfirma gehen, sondern um die Erhaltung und Pflege eines hohen volkswirtschaftliches Gutes für alle Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung. Stattdessen lässt man das deutsche Eisenbahnsystem, das zu den besten der Welt zählte, in weiten Teilen vergammeln und raubt ihm letztlich damit die Zukunft.

Muss denn erst der Stau oder der Verkehrsinfarkt allgegenwärtig sein, müssen Mensch und Natur weiterhin in unverantwortlicher Weise geschädigt und zerstört werden, müssen die unhaltbaren Zustände auf Deutschlands Straßen, insbesondere den Autobahnen – aber nicht nur da – stumm ertragen werden? Jeder, der im Auto unterwegs ist, erlebt tagtäglich das Chaos auf den Straßen und den verbissenen Kampf um Parkplätze sowie die zunehmend brutalere Verhaltensweise von Verkehrsteilnehmern, die durch die negativen Rahmenbedingungen des Straßenverkehrs gefördert oder ermöglicht wird. Von Rücksichtnahme und Mitmenschlichkeit und Fairness kaum noch eine Spur. Da helfen auch weitere Straßen, zusätzliche Fahrspuren und Lärmschutzwände nichts, die für viel Geld des Steuerzahlers noch den letzten Rest von Schönheit und Reisekultur in unserem Lande zerstören. Müssen Lärm und Abgase, Raserei und Nötigung, Staus, Unfälle und Nervosität weiter zunehmen, obwohl es zu einem geregelten Miteinander der verschiedenen Verkehrssysteme bei etwas gutem Willen durchaus kommen könnte?

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"Rückbau" der Zweigleisigkeit zwischen
Bremen und Uelzen (Amerika-Linie)

Unverantwortlich ist es, immer mehr Bahnstrecken stillzulegen und abzubauen, Fahrpläne auszudünnen und attraktive Zugverbindungen (z.B. die InterRegios) abzuschaffen, unverantwortlich ist es, auf Kosten der Sicherheit, Pünktlichkeit und des Service auf immer mehr Mitarbeiter zu verzichten. Jeder Kilometer Schienenstrecke, der unbrauchbar gemacht oder abgebaut wird, jede Angebotsverschlechterung der Bahn erhöht zwangsläufig die Zahl der PKW und LKW und deren schadensträchtigen Einsatz auf unseren Straßen.

Modernisierungen sind für das Straßennetz laufend und mit hohem Kostenaufwand vorgenommen worden, im Bereich der Bahn jedoch jahrzehntelang unterblieben. Dann hat man versucht, mit einigen wenigen Prestigeobjekten die Bahn ins moderne Zeitalter zu hieven. Dabei ist aber vergessen worden, dass sie mit ein paar Schnellstrecken zwischen Ballungsgebieten nicht lebensfähig ist, sondern dass sie von den vielen Verästelungen und Zweigstrecken im Gesamtnetz lebt, das nicht laufend vernachlässigt und weiter verstümmelt werden darf.

Die Eisenbahn muss wieder ein attraktives modernes Verkehrssystem werden, das überall im Lande verfügbar ist und dadurch eine echte Alternative zum Straßenverkehr mit all seinen negativen Begleiterscheinungen sein kann. Sie darf nicht zu einer zu vernachlässigenden Restgröße im Verkehrswesen werden. Sie muss endlich anerkannt und ideell und materiell gefördert werden, wo es nur geht. Die Bahn muss als der Hoffnungsträger für Mensch und Umwelt wieder den Stellenwert erhalten, der sie zu den Leistungen befähigt, die weite Kreise der Bevölkerung von ihr erwarten, sie eignet sich nicht als Spekulationsobjekt an der Börse, weil sie im Rahmen der Daseinsvorsorge der Wohlfahrt des Landes dienen soll!

In der Gesellschaft muss jetzt eine neue Aufbruchstimmung entstehen. Sie muss erkennen, dass sie selber und die nachfolgende Generation massiven Schaden nimmt, wenn es nicht rasch zu einer wirklichen Verkehrswende kommt. Not, Leid und Tod auf deutschen Straßen werden zulange schon stillschweigend hingenommen, die Vergewaltigung der Natur akzeptiert, ohne die katastrophalen Folgen zu bedenken.

Eigentlich ist alles ganz einfach: der Wunsch der Bevölkerung nach vernünftigen Verkehrsverhältnissen muss ernst genommen werden und es müssen praktikable Wege zum Ziel aufgezeigt werden, die kurz- und mittelfristig in befriedigende Lösungen umgesetzt werden. Einige zarte Pflänzchen, insbesondere im Privatbahnbereich, sind bereits entstanden Diese gilt es auszubauen und zu vervielfältigen, auch durch die DB. Dann können alle nur davon profitieren. Einzige Voraussetzung ist der eindeutige Wille, endlich das zu tun, was die Vernunft gebietet.

Bahnkunden wissen eigentlich ziemlich gut, welches Angebot sie von der Bahn erwarten: pünktliche, saubere und bequeme Züge, die sie an allen Tagen der Woche zu akzeptablen Zeiten möglichst rasch vom Ausgangs- zum Zielpunkt ihrer Reise bringen, freundliches Personal, das hilfsbereit und auskunftswillig ist, Tarife, die übersichtlich, einleuchtend und angemessen sind. Kunden des Güterverkehrs wünschen sich hingegen die sichere und zuverlässige Beförderung ihres Frachtgutes in überschaubarer Zeit. Dabei sind nicht einige wenige gigantische und kostenintensive Vorzeigeprojekte gefragt, sondern die Wiederbelebung der Flächenbahn, die zum jetzigen Zeitpunkt noch zu vergleichsweise geringen Kosten saniert und reaktiviert werden kann und dann eine enorme positive Wirkung entfalten wird, nicht zuletzt für die Erhaltung und Entstehung von Arbeitsplätzen. Und je mehr die Bahn genutzt wird, umso wirtschaftlicher wird sie sein!

Als wichtige Grundlage einer Wiederbelebung des Schienenverkehrs ist die umfassende Information in allen Bevölkerungsschichten zu sehen. Insbesondere die Jugend muss über die guten und besonders umweltfreundlichen Möglichkeiten der Bahn aufgeklärt werden. Bereits in den Schulen muss diesem Thema eine größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Kinder und Jugendliche müssen bewusst an die Bahn herangeführt werden, im Unterricht, auf Schulfahrten, durch Besichtigung von Bahneinrichtungen. Hierfür werden dringend motivierte Pädagogen und engagierte Eisenbahner und Eisenbahnfreunde gebraucht. Aber auch die übrige Bevölkerung, sei sie nun eher dem Autofahren oder der Bahnreise zugeneigt, muss durch kompetente Journalisten und andere Multiplikatoren dazu gewonnen werden, in dieser entscheidenden Frage Signale wahrzunehmen und Zeichen zu setzen.

Heimatvereine und Verbände, Medien, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und andere relevante Organisationen müssen sich neben den Verkehrsclubs (einschließlich des ADAC) ihrer Verantwortung für eine lebenswerte Umwelt und eine menschenwürdige Verkehrsabwicklung stellen und sich für die Bahn als der einzigen Alternative zum bedrohlichen und ausufernden motorisierten Individualverkehr einsetzen. Sie müssen Forderungen erheben und positive Beispiele geben, wie Züge wieder voller werden, Bahnhöfe und Schienenstrecken reaktiviert werden können und insgesamt eine Bewusstseinsänderung zugunsten der Bahn eintritt.

Nahverkehr und Fernverkehr, Personenbeförderung und Gütertransporte müssen zwar nicht von einem einzigen Unternehmen betrieben, aber doch wie aus einer Hand gesteuert und harmonisiert werden. Das Schienennetz muss ebenso wie das Straßennetz vom Staat kostenlos zur Verfügung gestellt und ausgebaut werden. Der seit Jahrzehnten entstandene Nachholbedarf der Bahn muss endlich angepackt werden. An den Kosten darf dies Projekt nicht scheitern, dazu ist es zu wichtig. Über die vielen Milliarden, die in den Straßenverkehr gesteckt wurden und immer noch werden, redet kein Mensch. Nur, wenn zur Rettung einer Bahnlinie ein paar Hunderttausend Mark für die Sanierung einer Brücke ausgegeben werden soll, fängt man kleinlich an zu rechnen. Wenn die Gesellschaft einigermaßen menschenwürdig überleben will, muss sie in die Schiene investieren und dazu neue und kreative Finanzierungsmodelle entwickeln. Umfragen haben bewiesen, dass die Bevölkerung dazu in weit größerem Maße bereit ist, als sich viele unserer Politiker das träumen lassen.